Unbeugsam und unverkäuflich

„unbeugsam und unverkäuflich“ – Bratwurstdealer ‚206

Bratwurstdealer ’206, 27.04.2014, Heimspiel Berliner AK:

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Die Saison geht peu a peu ihrem Ende entgegen, beim Blick auf die Rasendarbietungen sehnt man den Juni fast schon herbei. Im Rahmen unserer Investoren-Kritik sieht das aber ganz anders aus, da noch reichlich Themen ausgearbeitet und demnach auch noch nicht kommuniziert worden sind.

In Vorbereitung der Debatte zum möglichen Einstieg von Roland Duchatelet entwickelte sich bereits im vergangenen Herbst recht schnell ein Kontakt in die Fanszene von Standard Lüttich, explizit zur Gruppe „Ultras Inferno 1996“. Viele Informationen konnten auf diesem Weg ausgetauscht werden und nicht zuletzt bekamen wir einen ersten Einblick in die Verhältnisse bei Standard unter dem Machteinfluss von R.D., welche wir dann auch zum Teil in unsere Argumentation (unter Beachtung der unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und sportlichen Voraussetzungen) zur Mitgliederversammlung einfließen lassen wollten. Bekanntlich lief die MV dann nicht wie geplant, sodass die Argumentation nun im Nachgang und somit leider auch nach der Entscheidung veröffentlicht werden muss.

 

Die Idee, uns auch als Interviewpartner bereit zu stehen, begrüßte UI96 sehr schnell. Nach einem ersten allgemeinen Überblick über die argumentativen Punkte in der UUU-Rubrik wollen wir in der heutigen Ausgabe also den ersten Teil des gemeinsamen Interviews veröffentlichen. Im Auftakt geht es in erster Linie um den Verein RCSL und die Politik, Auswirkungen und Auseinandersetzung von und mit R.D., ehe wir wohl in Ausgabe 207 die Gruppe „Ultras Inferno“ abseits der UUU-Rubrik ganz detailreich vorstellen werden. Im Anschluss haben wir noch einen kleinen Exkurs zur auch im Interview kurz angeschnittenen „50+1“-Regel eingebaut. Los geht’s.

 

Bratwurstdealer: Salut Ultras Inferno. Zu Beginn wollen wir uns bei Euch sehr herzlich für das Interesse und die Bereitschaft bedanken, als Interviewpartner für den Bratwurstdealer zur Verfügung zu stehen und uns damit die Möglichkeit zu geben, Euch und alles was damit zu tun hat, unserer Kurve und der FCC-Gemeinde etwas näher vorzustellen. Trotz dessen, dass der Kontakt in erster Linie über die gemeinschaftliche Duchatelet-Kritik zustande kam, soll sich das Interview natürlich nicht nur darum drehen. Wir wollen ein ehrliches und scharfes Bild Eures Vereines, Eurer Gruppe und Kurve zeichnen. Vielen Dank für Ehrlichkeit und Engagement.

Anfangen wollen wir mit einem ganz allgemeinen Einstieg, um den BD-Lesern erstmal einen ersten Eindruck von Eurem Club zu ermöglichen. En avant. Was macht RCSL in euren Augen zu einem so besonderen Club? Beschreibt uns bitte den „Standard Spirit“?

UI96:Zunächst wollen wir euch für euer Interesse danken und für eure Bereitschaft, den Kampf anzunehmen, den auch wir begonnen haben und weiterhin fortführen.

Unser Verein ist etwas Besonderes, weil er derjenige mit der größten Anhängerschaft in der Jupiler League (erste belgische Liga) ist, was sich in beiden Teilen des Landes widerspiegelt. Der „Standard Spirit“ ist etwas, was man überall in der Stadt fühlen kann und dem sich jeder angehörig fühlt. Lieber sehen wir unser Team nach leidenschaftlichem Kampf verlieren, als emotionslose Siege einzufahren. Das ist für uns alle sehr wichtig und das erwarten wir von jedem Trainer, Spieler und allen anderen, die sich im Verein engagieren wollen.

Grenzenlose Leidenschaft und die Heißblütigkeit der Anhänger sind die Werte, die das Sclessin (Anm. d. Red.: Stade de Sclessin, das Stadion von RCSL, offiziell derzeit Maurice-Dufrasne-Stadion) in eine Hölle verwandeln.

 

Bratwurstdealer: Wie ist euer Verein allgemein organisiert? Welche Organe gibt es und welche Mittel besitzt ihr, aktiv mitzugestalten?

UI96:Momentan ist R.D. der große Boss im Club. Dann gibt es noch den in Lüttich geborenen Sportdirektor Jean-Francois Dessart, dessen Sohn zurzeit gute Spiele für unsere erste Mannschaft absolviert. Mehr Organe gibt es nicht, und genau das ist das Problem: nur Duchatelet entscheidet, wohin der Weg geht! Auf Fan-Ebene gibt es „La famille des Rouches“ (Anm. d. Red.: „Die Familie der Roten“), welche sich aus den Vorsitzenden der Fangruppierungen und Fanclubs zusammensetzt. Ihre Entscheidungsgewalt betrifft jedoch nur fanpolitische Belange, über dieses Gremium kann jedoch auf den Verein zugegangen werden, um Probleme anzusprechen – es ist quasi die „erste Reihe“ aller Supporter.

 

Bratwurstdealer: Wie beliebt ist euer Club im Land, woher kommen die RCSL-Fans?

UI96:Wie erwähnt sind wir der beliebteste Club in Belgien. Das liegt einerseits an der großartigen Historie des Vereins, zum anderen an der Heimspielatmosphäre, die auch die „Hölle von Sclessin“ genannt wird.

Die Anhänger unseres Vereins kommen aus dem ganzen Land, welches etwa zu 60% französisch-sprachig und zu 40% niederländisch-sprachig ist. Es gibt darüber hinaus auch Fans aus dem Ausland, in erster Linie die Niederlande und Luxemburg. Es gibt sogar einen Fanclub aus Singapur, der gelegentlich im Stadion anwesend ist.


Bratwurstdealer: Wie können wir uns Eure Stadt vorstellen? Was macht Lüttich/Liége mit seinen ca. 190.000 Einwohnern für Euch lebenswert?

UI96:Unsere Vereinsfarbe beschreibt unsere Stadt wohl am besten: Rot! Wieso? Weil rot die Farbe des Feuers ist und unsere Stadt von der Metallindustrie lebt, die man überall wiederfindet. Es ist eine Stadt der „working class“, woraus auch unser berühmter „Spirit“ resultiert. Ein Beispiel: Die größte und auch sehr bekannte Schmiede war Cockerill. Vor zehn Jahren entschied sich die Politik dazu, den Betrieb an die brasilianische Firma Mittal zu verkaufen – vor zwei Jahren entschieden sich die Wichser dazu, denn Betrieb einzustellen und an einem kostengünstigeren Ort fortzuführen. Die Mitarbeiter begannen daraufhin zu streiken und jeder in der Stadt ging mit ihnen auf die Straße, um seine Solidarität zu bekunden. Die ganze Stadt gemeinsam gegen diesen Konzern, das macht uns so besonders!

 

Bratwurstdealer: Welche Erzfeinde hat Euer Club, welche Feden „verbinden“ Euch mit anderen Clubs? Und im Gegenzug: welche historischen Freunde hat Standard?

UI96:In Belgien hassen uns eigentlich alle nicht-RCSL-Fans. Vor Allem die anderen Top-Clubs, wie zum Beispiel Brügge, Genk und natürlich Andershit (Anm. d. Red.: Jugendslang für Anderlecht). Jedes Standard-Anderlecht-Spiel erfährt eine enorme Medienresonanz, das ist sowas wie Real gegen Barca. Aber für unsere Gruppe ist Charleroi der größte Hassgegner, weil das für uns das einzig wahre Derby ist und wir mit deren Ultras verfeindet sind. Es gab auch schon Probleme mit anderen Clubs, zum Beispiel La Louvière, Antwerpen und so weiter.

 

Bratwurstdealer: Wie steht es um die Kräfteverhältnisse im belgischen Fussball allgemein? Welchen Einfluß hat der ewig-junge flämisch-wallonische Konflikt?

UI96:Fußball ist wohl das einzige in Belgien, wo dieser Konflikt keinerlei Einfluss hat, besonders bezogen auf die Nationalmannschaft. Hier gibt es nur junge Belgier, keine flämischen oder wallonischen Jugendlichen. Einfach nur Belgier, die Fußball und den damit verbundenen Spirit lieben. Was wir übrigens sehr begrüßen. Es gibt lediglich ein paar flämische Vereine in der Liga, die relativ flämisch-nationalistisch sind, was aber kein größeres Problem darstellt.


Bratwurstdealer:Versuchen wir dann mal den Bogen zum Thema „Fussball-Investoren“ zu spannen. Bei Euch in Belgien gibt es die hierzulande bekannte „50+1“-Regel nicht, was millionenschweren Investoren Tor und Tür zur kompletten Übernahme von Fussballclubs öffnet. Welche Rolle spielte diese Problematik für die belgischen Kurven vor euren Protesten?

UI96: Wenn man in Belgien einen Club kaufen will, so muss man ihn komplett kaufen. Das kann gut oder schlecht sein, in jedem Fall weiß man aber, dass es sich nicht nur um ein Jahr handelt, sondern immer um längere Laufzeiten.

Und genau das ist in unserer Situation das große Problem. Es bleibt kein Handlungsspielraum für uns. Wir müssen mit unserem Anliegen immer an den Verein herantreten und verhandeln, wir haben aber keinen Hebel, an dem wir ansetzen können, um Druck auszuüben. Denn wenn wir Pech haben, ist der Vereinsführung das, was wir sagen, egal und sie machen einfach was sie wollen.

 

Bratwurstdealer:Gibt oder gab es überregionale Bestrebungen der Fans/Ultras, einen gemeinsamen Weg zu strukturellen Veränderungen zu finden – zurück zu selbstbestimmten Fussballclubs in Mitgliederhand? Zumindest auf dem Papier, wie eine „50+1“-Regelung?

UI96:Bisher noch nicht. Außer uns war nur Charleroi in einer ähnlichen Situation, dort war es ein iranischer Investor, der den Verein als Spielball nutzte.

In Belgien sind die Besitzverhältnisse oft historisch gewachsen. So gehört zum Beispiel der Club in Anderlecht seit 43 Jahren der selben Familie.

 

Bratwurstdealer:Wie beschreibt ihr die Verhältnisse in eurem Club, bevor R.D. sich einkaufte? Wie gestalteten sich die Machtverhältnisse vorher?

UI96:Vorher war definitiv alles besser. Wir waren ein normal geführter Verein mit den üblichen Problemen, die es wohl überall gibt. Aber wir haben meistens gut gespielt, waren in der Champions League vertreten und haben von unserem „Standard Spirit“ gelebt.

 

Bratwurstdealer:Was war bis dato über die Arbeit von R.D. in Wirtschaft und Fussball bekannt?

UI96:Eigentlich nur, dass er der siebzehntreichste Belgier ist, Eigentümer vom Verein VV St. Truiden ist und selbstverständlich keine Ahnung von Fußball hat.

 

Bratwurstdealer:Wie wurde der Einstieg von R.D. kommuniziert, welche Form der Mitsprache hatten die Mitglieder Eures Vereins in der Entscheidung?

UI96:Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Wir hatten keine wirkliche Eingriffsmöglichkeit und konnten nur abwarten. Letztendlich ging es natürlich nur ums Geld, und davon hat er genug.

 

Bratwurstdealer: Wie wurde das Engagement anfangs aufgefasst? Wie reagierte die Fanszene? Was berichteten die Medien? Kamen die Probleme und Bedenken erst mit den wirklich operativen Veränderungen oder bestanden diese grundsätzlich?

UI96: Zunächst hieß es von allen Seiten, dass wir zunächst abwarten und beobachten müssten, was nun wirklich passiert. Wir als Gruppe haben uns jedoch recht schnell auf unseren zukünftigen Weg festgelegt.

 

Bratwurstdealer: Hat R.D. sein Engagement anfangs begründet, bzw. musste er es begründen/rechtfertigen? Oder hatte er zu Beginn freie Bahn ohne große Gegenwehr/Bedenken? Welche Alternativen zum Einstieg gab es damals?

UI96: Begründen musste er es nicht. Der vorherige Präsident hatte zwei Möglichkeiten: entweder R.D. oder irgendein Unternehmen wird einsteigen. Für ihn war Duchatelet die bessere Alternative für den Verein. Auch, weil er aus der Nähe kommt.

 

Bratwurstdealer: Was waren die letztlich ausschlaggebenden Punkte bzw. Ereignisse, gegen Duchatelet‘s System vorzugehen?

UI96:Der entscheidende Faktor war wohl, dass relativ schnell allen klar wurde, dass R.D. viele nicht nachvollziehbare Fehler machte, sehr viel Geld aus dem Verein zog und wiederholt eindeutig seine Absicht unter Beweis stellte, dass er weitaus mehr Interesse am Business als am Fußball hat.

 

Bratwurstdealer: Welches Ziel setzten sich die Ultras zu Beginn der Proteste? Wie sollte der Weg bestritten werden? „Kopf durch die Wand“ oder erstmal vorsichtig und auf Konsequenzen im Miteinander bedacht?

UI96: Als wir uns entschieden zu reagieren, haben wir alle Register gezogen: wir postierten uns vor seinem Haus und vor seinem Hauptbüro, folgten ihm zu Geschäftstreffen und so weiter. Tag für Tag. Uns war klar, dass er genug Geld hat, um zu machen, was er will. Daher war die einzige Möglichkeit, ihn aus der Reserve zu locken, seine Privatsphäre zu stören.

 

Bratwurstdealer: Wie habt Ihr die inhaltliche Auseinandersetzung und Argumentation kommuniziert?

UI96:Wir haben eine offizielle Stellungnahme herausgegeben, die unsere Argumentation darlegte. Darin betonten wir, dass wir nicht gegen die Mannschaft sind, sondern nur gegen R.D. und seine Methoden. Die öffentlichen Medien stellten uns zunächst als Idioten und stumpfe Hooligans hin. Allerdings änderten sie zunehmend ihre Meinung, als sie merkten, dass sich immer mehr Fans unserem Weg anschlossen.

 

Bratwurstdealer: Eine Frage halten wir für besonders interessant: wie entwickelte sich die Beteiligung am Protest? Welche Mitstreiter hatte die Kurve und wie entwickelte sich die Auseinandersetzung mit dieser Thematik im gesamten Club? Wie lange dauerte es, bis die große Masse der RCSL-Fans hinter Euch stand und wieviel Überzeugungsarbeit musste dafür geleistet werden?

UI96:Alles in allem war es ein Selbstläufer, die zunehmende Beteiligung kam von ganz allein. Nach und nach bekamen die „normalen“ fußballinteressierten Leute mit, dass es R.D. wirklich nur um das Geld und nicht um den Verein geht, dass dieser dadurch in Gefahr war und auf die Hilfe der breiten Masse angewiesen war. Die „Famille des Rouches“ traf sich regelmäßig und erarbeitete einen Plan für das Vorgehen der Anhänger.

 

Bratwurstdealer: Welche Höhepunkte des Kampfes gegen das Duchatelet-System könnt Ihr benennen und warum? Gibt es ggfs. berichtenswerte Anekdoten?

UI96:Die zwei großen Highlights waren zum einen eine große Demo und zum anderen das Spiel gegen Cercle Brügge letztes Jahr. Bei diesem verblieben wir, gemeinsam mit der Gruppe Hell Side (Anm. d. Red.: weitere Ultras-Gruppe neben UI, beide agieren meist zusammen), außerhalb unserer Kurve und enterten nach dem Spiel die Logen, um zu protestieren. Die Demo war einfach nur fantastisch. Menschen aus dem ganzen Land vereinten sich gegen R.D., insgesamt schlossen sich 6.000 an. Am Ende der Demo gingen wir ins Stadion, da gleichzeitig ein Geschäftstreffen der Vereinsführung war. Das Ganze war wirklich beeindruckend und resultierte in einem enormen Medienecho.

 

Bratwurstdealer: Wie können wir uns die öffentliche Wahrnehmung (in der „normalen“ Gesellschaft) der Proteste, Aktionen und Argumente vorstellen?

UI96:Zunächst wurde uns viel Verständnis entgegengebracht, was jedoch abgeebbt ist. Viele verstehen nicht, dass wir weiterkämpfen und hartnäckig bleiben, obwohl wir in der Liga ganz oben stehen. Aber das Problem bleibt natürlich das gleiche. Duchatelet entnimmt dem Verein Geld, er will Zirkusse, Kinos und sonstigen Kram neben dem Stadion erwerben. Er versucht alles in der Umgebung zu kaufen um ein größeres Areal zu besitzen und damit seinen Einfluss zu vergrößern. Er will nur Geld scheffeln, der Club ist ihm scheißegal.

 

Bratwurstdealer: Inzwischen ist bekannt – Duchatelet will sich aus Lüttich zurückziehen, will Anteile verkaufen. Stieß das auf Gegenwehr in der restlichen Fanszene, oder aber im Verein allgemein oder in der Stadt? Welche Folgen sind absehbar, wenn es ohne Duchatelet weitergeht? Welche Chancen seht ihr nun für den Club?

UI96:Auch hier können wir nur warten. R.D. verspricht, dass er den Verein nach dieser Saison abgeben will. Aber wenn der RCSL an irgendein anderes Unternehmen weiterverkauft wird, bleibt das Problem erhalten, wenn es nicht sogar schlimmer wird. Selbst wenn er sich zurückzieht will er Eigentümer der Infrastruktur bleiben, in gewisser Weise bleibt er also da.

 

Bratwurstdealer: Gibt es ein finanzielles/strukturelles Konzept, wie Standard in Zukunft – ohne R.D. – erfolgreichen Fussball (auch in Europa) spielen kann?

UI96:Es gibt noch gar keinen Plan, selbst die Medien verbreiten noch nichts. Es gibt einige Fans, die in den Club investieren wollen, um zumindest ein ähnliches Gefüge wie in Deutschland mit der „50+1“-Regel zu erhalten. Aber es sind wohl nicht genug Leute, es ist wohl eher Utopie zu denken, dass wir genug Geld für so ein Vorhaben auftreiben können.


Bratwurstdealer: Wie bewertet man in Belgien den Netzwerkaufbau von R.D. allgemein und welche Informationen/Meinungen kursieren über den Einstieg bei unserem FC Carl Zeiss im speziellen?

UI96:Hierzulande wurde lediglich gesagt, dass R.D. euren Verein gekauft hat, mehr nicht. Keiner möchte Probleme mit Duchatelet, weil er in der Wirtschaft wichtig und einflussreich ist. Alle sprechen hier nur vom RCSL, gelegentlich von Charlton Athletic, aber an anderen Clubs sind die Medien nicht wirklich interessiert. Hier erfährt niemand von den Problemen, die R.D. euch bereitet. Eigentlich sind nur wir informiert, und das ist der Grund, warum wir uns verpflichtet fühlen, den normalen Fans so viel wie möglich zu erklären.

 

Bratwurstdealer: Gibt es Clubs in Belgien, welche auf Grund der bereits angesprochenen Rahmenbedingungen ähnliche Zeiten durchmachen?

UI96:Sporting Charleroi wurde bereits erwähnt, allerdings handelt es sich dort um einen anderen Betrag. Der Verein war finanziell stark angeschlagen und wurde dann für etwa 10 Millionen, inklusive aller Spieler, aufgekauft.

 

In der kommenden Ausgabe geht es mit einem Blick in die Fanszene und Kurve von RCSL weiter!

 


 

EXKURS: Inhalt, Bedeutung und Wirksamkeit der „50+1“-Regel

Im in dieser Ausgabe abgedruckten ersten Teil des Interviews mit den ULTRAS INFERNO 1996 kommen wir auch kurz auf die ominöse „50+1“-Regel zu sprechen. Davon hat sicher schon mal Jeder irgendwo und irgendetwas gehört, allerdings bringen die aktuellen Umstände beim FC Carl Zeiss durchaus den Bedarf mit, sich dieser Regel etwas angestrengter zu nähern.

Grundsätzlich sagt man, dass die „50+1“-Regel sichert, dass die traditionellen eingetragenen Vereine (e.V.) die „Mehrheit der Stimmenanteile“ (eben mehr als nur 50%) an den inzwischen überall existierenden Spielbetriebs-GmbHn (zum Teil auch GmbH & Co. KGaA oder auch Aktiengesellschaften) der Fussballclubs (be)halten. Das ist tatsächlich so, allerdings bei genauerer Betrachtung auch nur die halbe Wahrheit. Denn es bieten sich unter anderem einige Schlupflöcher, welche die Stimmenmehrheit abschwächen oder gar ad absurdum führen.

Den ersten Schritt zur Verankerung einer Sicherung von Stimmrechtsmehrheiten und zum Schutz des Wettbewerbs in den Profiabteilungen machte der DFB, die DFL folgte später. Der Deutsche Fussball Bund regelt in seiner Satzung (§16c Abs. 2), dass ein Verein nur eine Lizenz erhalten kann, wenn der „Mutterverein“ mindestens „50 Prozent zuzüglich […] eines weiteren Stimmanteils in der Versammlung der Anteilseigner“ innehat. Die DFL (Deutsche Fussball Liga) übernahm die DFB-Satzungsregelung ohne Korrektur in die eigenen Statuten in §8 Abs. 2.

Unabhängig davon, welche Rechtsform ein Fussballclub bei der Ausgliederung seiner Profi-Abteilung (+ x) wählt: die Satzungs-Regelung von DFB/DFL verhindert, dass Kapitalanleger die Stimmenmehrheit erlangen und somit Großunternehmen oder anderweitige Kapitalgeber (z.B. Duchatelet über seine Firmen) die vollständige bzw. viel mehr die offizielle Kontrolle über Profimannschaften übernehmen können.

 

In den meisten anderen europäischen Ländern gibt es diese Regelung nicht, siehe hierzu die beschriebenen Verhältnisse in Lüttich. Bekanntermaßen lassen auch die Umstände in der englischen Premier League den Rückschluss zu, dass hier die Interessen von privaten Investoren oder Unternehmen längst die Hoheit in den Chefetagen der Clubs erlangt haben. Damit einhergehen bzw. kommen die Gefahren, dass bald der komplette europäische Fussball im Besitz von Multimillionären, Milliardären oder Wirtschaftsunternehmen ist, Vereinsmitglieder und Fans ihre Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten verlieren und jahrzehntelange Traditionen in akute Gefahr geraten. Es ist kein Geheimnis, dass die Vermarktungsinteressen der Konzerne und Multis über Vereinsfarben, Vereinsnamen, Spielstätten usw. stehen. Auch wenn „50+1“ dies auf dem Papier noch verhindert, so sind die flächendeckenden Ausgliederungen der Profiabteilungen ein erster trauriger Schritt in diese Richtung.

Im Übrigen gibt es auch eine Ausnahme in der deutschen Regelung, Zitat aus der Satzung: „[…]über Ausnahmen vom Erfordernis einer mehrheitlichen Beteiligung des Muttervereins nur in Fällen, in denen ein Wirtschaftsunternehmen seit mehr als 20 Jahren vor dem 1.1.1999 den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat, entscheidet der Vorstand des Ligaverbandes.“ Das, was bis heute nur für Bayer Leverkusen (Bayer-Konzern) und den VfL Wolfsburg (Volkswagen-Konzern) gilt, kann in absehbarer Zeit allerdings auch auf andere große deutsche Vereine zu treffen, an anderer Stelle allerdings etwas mehr dazu im Text.

 

Erschreckende Informationen aus England sind längst kein Geheimnis mehr: auf Grund des massenhaften Einstieges von Investoren sind die Clubs zum Teil extrem hoch verschuldet. Dazu führt u.a. die Praxis, dass sich die Besitzer das Geld zur Übernahme der Vereine lediglich leihen, die Kreditschuld allerdings im Anschluss auf die Fussballclubs überschreiben. Nicht ohne Grund steigen die Eintrittspreise auf der Insel in Sphären jenseits von Gut und Böse. Mit Stehplätzen kann man ohnehin nicht viel Geld verdienen, also kam die „Hooligan-Angst“ als vorgeschobenes Alibi ganz recht, alle Grounds in „Allseater“ zu verwandeln. Nimmt man dann noch die rasant wachsenden Logen-Bereiche in den Stadien hinzu, kann man sich mancherorts eher wie in einem Kinotheater, als wie in einem Fussballstadion fühlen. Und das im „Mutterland des Fussballs“, welches bekanntermaßen in vielerlei Dingen in den letzten Jahrzehnten eine (negative) Vorreiterrolle innehatte.

 

Natürlich gibt es in den deutschen Clubs (zumeist Erstligisten) auch etliche Kritiker, welche die Schutzregelung von DFB und DFL nur zu gern zu den Akten legen würden. Hauptsächlich führt deren Argumentation ins Feld, dass die Bundesliga im internationalen Vergleich zu anderen Profiligen in finanzkräftigen Rückstand gerate und somit sportlich nicht mithalten könne. Dass im Endeffekt natürlich eine Wirtschaftslobby mit privaten Gewinnabsichten dahinter steckt, sollte langsam allen klar werden. Die Diskussion um „50+1“ ist also noch immer aktuell.

Einen bundesweit zweifelhaften Ruf hat sich in diesem Kontext der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, erarbeitet. Ein mitgliedergeführter Fussballclub ist ein Dorn in seinem Auge, er streitet und klagt was das Zeug hält. Zwar ist er bis heute mit seiner Forderung nach dem Ende von „50+1“ gescheitert, allerdings glückte die bereits angesprochene Ausnahmeregelung nach 20-jähriger Investoren-Aktivität (inklusive dem damit verbundenen Recht, die von den jeweiligen Vereinen dazumal erworbenen Anteile dann auch an Dritte weiterzuverkaufen). Im konkreten Beispiel von Hannover 96 bedeutet es, dass Kind wohl schon in der Saison 2017/2018 den „Hannoverschen SV von 1896 e.V.“ komplett aus der „Hannover 96 GmbH & Co. KGaA“ verdrängen kann.

 

Unsere Kritik, und die von zehntausend anderen Fussballfans in Deutschland, richtet sich allerdings gegen die Schlupflöcher für Investoren-Einflüsse. Denn die Satzungsregelung von DFB und DFL regelt nicht, wie die Aufteilungen der Kapital- bzw. Geschäftsanteile (siehe UUU(4) in Ausgabe 205) in den Kapitalgesellschaften auszusehen haben. Diese führen nämlich in der Regel der Fälle zu einer Unterwanderung von „50+1“. Zwar ist auf dem Papier die Entscheidungsmehrheit auf Seiten der Vereine zu finden, allerdings gilt hier das Sprichwort „Wer das Geld hat, der hat das Sagen“ mehr als anderswo. Bekanntlich hält beim FC Carl Zeiss die Staprix/Duchatelet 95% der Geschäftsanteile, in der Betreibergesellschaft der verhassten TSG Hoffenheim stellt Dietmar Hopp mit 96% nur unwesentlich mehr. Mit einfachen Worten geschrieben: welcher Verein darf es sich im Ernstfall erlauben, trotz seiner formellen Stimmenmehrheit, dem übermächtigen und vermeintlich überlebenswichtigen (im Kontext der Ligenzugehörigkeit und Herangehensweise bzw. vereinspolitischer Fehler zu beurteilen) Investor zu widersprechen? Dieses Szenario ist ausgeschlossen. Denn: wird in den Fussball-Kapitalgesellschaften nicht die Politik der Investoren gefahren, drehen diese ganz schnell den Geldhahn zu und lassen den Fussballclub an der ausgestreckten Hand verhungern. Demnach ist „50+1“ zwar ein vermeintlich gutes Mittel, dient aber nicht selten zur Verblendung und fördert die Augenwischerei, gerade in kleinen und finanziell schwachen Vereinen. Ist erst einmal ein Investor im Boot, hat dieser in den meisten Fällen auch die deutlich größeren finanziellen Einlagen und daran gemessen auch das letzte Wort…


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