Unbeugsam und unverkäuflich

“unbeugsam und unverkäuflich” – Bratwurstdealer ’207

Bratwurstdealer ’207, 10.05.2014, Heimspiel Union Berlin II:

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Inzwischen erlebt diese Rubrik, welche wir uns eigentlich selbst gern erspart hätten, ihre sechste Auflage. Einige Kernthesen (samt hoffentlich verständlicher Argumentation) der Kritik sind so bereits an hunderte Zeiss-Fans herangetragen worden. Der BD spielt dabei natürlich die absolut zentrale Rolle, was uns jedoch nicht daran gehindert hat, uns vorerst grundsätzlich dafür auszusprechen, die „UuU“-Beiträge im Nachgang der Spiele auch auf unserem hochfrequentierten Blog zu veröffentlichen. Dies vor allem, um dadurch auch Zeisser zu erreichen, die auf Grund anderer Stammplätze im EAS nicht zum regelmäßigen Leserstamm des BD gehören oder aber auf Grund eines auswärtigen Wohnsitzes nicht jeden BD wie selbstverständlich abgreifen können. An dieser Stelle wollten wir auch nicht nur auf die Kaufmöglichkeit am Shop vertrauen. Denn, wer was mitteilen will, der ist selbst dafür verantwortlich, die Adressaten auch zu erreichen.

Es ist uns durchaus bewusst, dass die gesamte Situation, welche wir da gerade gemeinsam durchleben, derart vielschichtig ist, dass eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln nötig ist, um die Meinungsbildung zu erleichtern. Einen wichtigen Punkt, der die gesamte Problematik sehr plastisch und damit greifbar darstellt, wollen wir u.a. heute thematisieren. Wir wollen einmal einen Blick zu anderen Vereinen werfen, deren Beispiele interessante Rückschlüsse auf vereinspolitische Vergleiche möglich machen.
Bereits im Vorfeld der Mitgliederversammlung im Dezember hatten wir vor allen Dingen die Beispiele des 1. FC Union Berlin (rein zufällig auch heutiger Gegner im EAS) und des FC Erzgebirge Aue ausgewählt und diese wollen wir nun vordergründig beleuchten. Die beiden Clubs sind deshalb für eine Beispiel-Betrachtung interessant, da sie bis vor wenigen Jahren vergleichbare (vielleicht sogar schwächere) Strukturen besaßen und sich heute dort etabliert haben, wo der FC Carl Zeiss sehr gern wieder hinmöchte, in der zweithöchsten deutschen Spielklasse. Für ebenfalls recht gute Vergleiche lassen sich beispielsweise auch der Chemnitzer FC oder der Hallesche FC nutzen, was ihr Euch durchaus auch individuell mal zu Gemüte führen könnt.

Schauen wir zunächst einmal nach Berlin-Köpenick, der Heimat vom 1. FC Union.
Kein anderer Verein im Fussball-Osten hat im vergangenen Jahrzehnt einen derartigen Wandel hingelegt, wie die Eisernen. In der nun zu Ende gehenden Saison klopfte der FCU zwischenzeitlich sogar recht aussichtsreich an den Aufstiegsplätzen zum Oberhaus an, musste erst in der Rückrunde Federn lassen und findet sich nun auf einem gesicherten Mittelfeldplatz wieder. Der starke 7. Platz der Vorsaison wird damit seitens der Rot-Weißen bestätigt. Zu DDR-Zeiten war Union nie die richtig große Nummer, konnte kaum im (wie auch immer herbeigeführten) Zirkus der Großen mitspielen, stattdessen war man zwischen Stralsund und Schleiz als Fahrstuhlmannschaft zwischen „Oberliga“ und „Liga“ bekannt. Der größte Erfolg war der Sieg des FDGB-Pokals Ende der 60er. Nach der Wende dümpelte man sehr lange in den NOFV-Ober- und Regionalligen umher, sowohl 1993 als auch 1994 wurde dem Club allerdings auf Grund großer finanzieller Probleme die Lizenz entzogen, der Aufstieg in die 2. Liga scheiterte an den wirtschaftlichen Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten. 2001 glückte dann der Aufstieg, die Lizenz gab es ebenfalls dazu. Nach drei Jahren stiegen die Eisernen zweimal in Folge ab, landeten schlussendlich in der Oberliga. Zwar nicht ganz so schnell, aber dann doch recht zügig, war man 2009 zurück in Liga 2 und erreichte bis heute immer gute Mittelfeldplätze in der DSF-Tabelle. Die kurze Rückkehr in die 4. Liga offenbarte dazumal kurzfristige Verbindlichkeiten, welche den Club beinahe wiederholt in die Knie zwangen. Unter anderem mittels des Spendenaufrufs „Bluten für Union“ konnte das Loch jedoch gestopft werden. Genau wie bei der SG Dynamo in Dresden drückten die Unioner langfristige Schulden aus dem Deal mit Michael Kölmel. Was der FCC mit einem blauen Auge überstanden hat, lastet in Höhe von 15 Mio. Euro auf den eisernen Schultern.
Gleichwohl gelang durch stetige und vor allem geduldige Arbeit die bereits angesprochene Rückkehr aus Liga 4 in die 2. Bundesliga. DER KNACKPUNKT! Hier wurden nicht etwa die Nerven verloren oder falschen Propheten gefolgt, sondern auf die eigenen Stärken besonnen. 2009 liefen die Köpenicker dennoch kurzzeitig Gefahr, ihr Gesicht zu verlieren, als das Sportpromotion-Unternehmen ISP als Hauptsponsor einstieg. Über 5 Jahre wollte besagtes Unternehmen jährlich 2 Mio. EUR in den Verein pumpen. Der Vertrag hielt nicht lange, da ISP im Vertrag falsche Angaben machte und zudem an der Spitze seines Aufsichtsrates einen einflussreichen Ex-Stasikader sitzen hatte – inklusive öffentlichem Aufschrei. Der Deal, der ohnehin von vielen Unionern mit Argwohn beobachtet wurde, ging unter. Heute redet man vor Ort von einem glücklichen Umstand.

Zwei Jahre zuvor beschlossen die Mitglieder hier in Jena leider die Ausgliederung von erster und zweiter Männermannschaft in die bekannte Spielbetriebs-GmbH. Im Berliner Osten passierte dies bis heute nicht. Dies allein macht es schon unmöglich, einen Investor ins Boot zu bekommen, ob mit oder ohne vorherige Gehirnwäsche. Lediglich für die vereinsnahe Verwaltung des „Stadions an der Alten Försterei“ wurde mit 1. FC Union Berlin e.V. und der „An der Alten Försterei Stadionbetriebsgesellschaft mbH & Co. KG“ eine Aktiengesellschaft namens „An der Alten Försterei Stadionbetriebs AG“ gegründet. Und das aus recht gutem Grund, auch für alle FCU-Mitglieder. Und schon sind wir bei einem Thema, was uns fast schon neidisch in den Berliner Südosten blicken lässt: Das Stadion. In der Hinrunde hatten wir das Glück, die „Alte Försterei“ nach ihrer Renovierung selbst erleben zu dürfen und die Akustik einmal selbst auszutesten. Ohne mit der Wimper zu zucken darf behauptet werden, dass hier in den letzten Jahren Fussballgeschichte geschrieben wurde. Das aber nicht, weil besonders große und spannende Spiele absolviert worden, sondern weil in einer bis dato nahezu beispiellosen Mammut-Aktion etliche anfallende Arbeiten durch Mitglieder und Fans des Vereins geleistet worden – finanziell, materiell und körperlich. Dieser besondere Spirit sparte nicht nur massenhaft Geld ein, sondern ließ Anhänger/Verein und Stadion noch enger verschmelzen. Ein Spirit, den man bei heutigen neutralen Spielbesuchen in der Wuhlheide hautnah erleben kann, auch unabhängig vom akustischen Support auf den Rängen.

Die bereits erwähnte Stadionbetriebs AG erhöhte, um den Bau der imposanten Haupttribüne zu finanzieren, das eigene Stammkapital um 5 Mio. EUR und ermöglichte in dem Atemzug Mitgliedern des 1. FC Union Berlin e.V. die Zeichnung von insgesamt 10.000 Aktien der Betreibergesellschaft zum Wert von jeweils 500 EUR. Dadurch gingen über 40% des Grundkapitals (weit über 5.000 Aktien) in den Streubesitz (Kurzdef.: Zum Streubesitz zählen alle Aktien, die sich nicht in festen Händen von Großaktionären befinden, also vom breiten Publikum erworben und gehandelt werden können) über. Der Verein profitierte vom positiven Nebeneffekt und erreichte binnen kurzer Zeit eine Mitgliederanzahl jenseits der 10.000, im Januar diesen Jahres waren gar 11.800 Mitglieder angemeldet.

Der FCU ist ein perfektes Beispiel dafür, wie ein gutes Konzept Synergien ohne Ende erzeugen kann. Er ist ebenfalls ein perfektes Beispiel dafür, wie man eigene Ressourcen erkennt und zu nutzen versteht. Auf diesen Punkt werden wir im Vergleich, später im Text, nochmal zu sprechen kommen. Heute – so bitter das für den Einen oder Anderen auch klingen mag – kann der FCU Vorbild in vielerlei Hinsicht sein. Ein Verein, der vor der Wende bei weitem nicht die Strahlkraft des FC Carl Zeiss besaß, nach der Wende ebenfalls regelmäßig über die Friedhofsmauer balancierte und dadurch bis vor wenigen Jahren keinerlei anziehende Wirkung für großartige überregionale Sponsoren besaß. Dennoch ließ man die Kirche im Dorf, die Männermannschaften im Verein und arbeitete eher an sich selbst und an belastbaren Konzepten für erfolgreichen Fussball im rot-weißen Teil Berlins. Der Verein hat das Sagen und damit auch seine Mitglieder, welche zudem auch einen nicht unbedeutenden Anteil an der Heimspielstätte innehaben. Der FCU ist heute in der 2. Bundesliga vollends etabliert und es ist keine Überraschung, wenn in der kommenden Saison abermals eine respektable Platzierung durch die Eisernen erreicht wird – das alles, und das ist das entscheidende in der Betrachtung aus unserer Warte – ohne Investor, ohne Netzwerkbindung , ohne wirtschaftliche Abhängigkeit. Dafür mit viel gegenseitigem Vertrauen, Mut zur Geduld und dem Wissen um die eigene Stärke.

Kommen wir kurz von der Spree ins Erzgebirge, ins beschauliche Lößnitztal, zum Fussballclub Erzgebirge Aue e.V.!
Die Schachter spielten im Vergleich zu Union Berlin schon eine größere Rolle im DDR-Fussball, was immerhin zu 3 Meisterschaften in den 50er Jahren reichte, allerdings damals zwischenzeitlich als SC Wismut Karl-Marx-Stadt. Wismut gehörte durchgängig der höchsten Spielklasse an, nicht ein einziges Mal mussten die Veilchen den Gang in die DDR-Liga antreten. Nach der Wende ging es konstant weiter, allerdings selbstverständlich zwei Spielklassen tiefer, zumeist in der Regionalliga. Keine Talfahrten, keine Ausreißer nach oben. Grundsolide Bergmannsarbeit.

Dies ist schon allein deswegen besonders bemerkenswert, da das Erzgebirge nun nicht unbedingt zu den strukturstärksten Regionen zählt, auch nicht innerhalb der neuen Bundesländer. Dazu kommen die Nähe zur tschechischen Grenze und der Einfluss benachbarter und ebenso traditionell recht beliebter Clubs wie FSV Zwickau oder Chemnitzer FC. Eines der Erfolgsgaranten ist das bekannte Unternehmer-Bruderpaar Leonhardt und die dahinter stehende „Leonhardt Group“. Nach dem Rückzug der Wismut GmbH (Rechtsnachfolger der „SDAG Wismut“; Sowjetisch Deutsche Aktiengesellschaft) 1992, schienen die Fussballlichter im Erzgebirgs-Stadion auszugehen. Unter anderem die Leonhardts ergriffen jedoch die Initiative, erhielten den Verein am Leben und entwickelten ihn fortan weiter. Dennoch machte man nicht den Fehler, die Profi-Abteilung im Laufe der Zeit in eine eigene GmbH oder AG auszugliedern, damit den zahlreichen Mitgliedern eine direkte Einflussnahme unmöglich zu machen und stattdessen die Unternehmer als mögliche Anteilhaber profitieren zu lassen. Stattdessen wurde auch hier auf die eigene Substanz gesetzt und Vertrauen propagiert. Die Schachter waren und sind sich ihrer beschränkten Mittel bewusst, nutzten allerdings die vernetzte Wirtschaft der Region (v.a. durch die Leonhardt-Kontakte) und zogen daraus die Möglichkeiten, die ihnen geboten waren. Der aktuelle Hauptsponsor „Eibenstock Elektrowerkzeuge“ ist das beste Beispiel für den regionalen Sponsorenpool, welcher durch einen professionell agierenden „Förderkreis FC Erzgebirge Aue e.V.“ seit 1993 akquiriert und betreut wird. An diesem Punkt machen die Auer vor, wie die heimische Wirtschaftskraft genutzt werden kann, um auf Vertrauensbasis und soliden Konzepten langfristigen Erfolg aufzubauen. Wenn die Ansprache der Sponsoren stimmt, wenn diese wissen, wofür ihr Geld nachhaltig eingesetzt wird und ein Jeder das Gefühl hat, tatsächlich auch gebraucht zu werden, dann ist ein Fussballclub wirtschaftlich in sicherem Fahrwasser unterwegs.
Auch die Schachter brauchten bis dato keine Ausgliederung oder einen Anteilsverkauf – und trotzdem spielen sie soliden Fussball in der zweithöchsten Spielklasse. Auch das Stadion ist keinesfalls eine hochmoderne Multi-Funktions-Arena. Stattdessen passt es zum Club, schmiedet sich wunderbar ins ruhige Tal und bietet als eines der wenigen Stadien in der zweiten Liga noch aussterbende Attitüden. Bis heute ist keine allzu ernste finanzielle Notlage seit den Wirren des Wismut-Ausstieges bekannt geworden. Weder drohende Insolvenzen noch Lizenzentzüge, keine großen Spendenaktionen und dergleichen. Solidität in Vorzeige-Manier.

Wir könnten nun noch darüber berichten, wie es Chemie Halle oder der CFC geschafft haben, in der dritten Liga wieder Fuß zu fassen und im Falle der Himmelblauen sogar einen richtig starken (und in dieser Saison weit unter den Möglichkeiten gebliebenen) Kader aufzubauen, sich auch eine Stadionrenovierung zu erstreiten und auf wirtschaftlich eigenständigen Füßen zu stehen. Allerdings sollte bereits nach der Thematisierung der Zustände bei Union Berlin und in Aue klar sein, was wir ausdrücken wollen.

Setzen wir an dieser Stelle einmal 2 Fragen in den Vordergrund, schaffen wir spielend leicht den Übergang zu unserem FC Carl Zeiss: „Wer sind wir?“ und „Was können wir?“.
Anstatt diese Fragen mit Bedacht und Ehrlichkeit zu beantworten (und damit auch Sympathien im Umfeld zu generieren), schmeißen wir mit Ansagen um uns. Das klingt dann so: „Wir müssen am Profi-Fussball festhalten“, „Wir müssen aufsteigen!“ und „Wir müssen Erfolg haben, sonst gehen hier die Lichter aus!“. Im Grunde schnüren alleine diese drei beispielhaften Aussagen (welche u.a. zur MV im Dezember ganz eindeutig zur Täuschung beitrugen) den eigenen Hals schon derart zu, dass Reaktionen eines Überlebenskampfes zu beobachten sind. Alles und Jeder wird als „Rettung“ verstanden und diesem auch alles unterworfen. Dabei bemerken wir nicht, dass wir lediglich an den Symptomen arbeiten, nicht aber die Ursprünge der Probleme ins Fadenkreuz rücken. Warum sind wir denn nicht mal ehrlich zu uns selbst und hören auf, die Schuld für das Verweilen in der Viertklassigkeit wahlweise beim „Fussballsystem“, dem DFB, der Wende, Sponsorenabsage XY oder sonst wem zu suchen? Schuld am aktuell so erbärmlichen sportlichen (und perspektivisch auch wieder finanziellen) Zustand sind einzig und allein wir selbst!
Unsere Außendarstellung, unsere Arbeit mit und am Sponsor, unsere Vereinsführungen, unsere Gremien-Grabenkämpfe und die daraus resultierende Politik. Aufsichtsratsvorsitzender Töpel setzt dem ganzen lähmenden Irrsinn doch die Krone auf, wenn er sich mit krächzender Stimme in die Mitgliedersammlung mit „Wir müssen nach oben und nichts anderes zählt!“ ergießt. Auch wenn Reinhardt Töpel es nicht zu verstehen vermag, es gibt tatsächlich Wichtigeres: Substanz, Nachhaltigkeit, Geduld – Werte, welche auch einem sportlichen Erfolg nicht im Wege stehen. Allein die Beispiele Union Berlin und Erzgebirge Aue zeigen dies doch unmissverständlich auf.

Betrachten wir nun, welche strukturellen Möglichkeiten der FC Carl Zeiss eigentlich beim Blick auf das ökonomische Umfeld besitzt, so sollten doch die Unioner, wie auch die Schachter, neidisch ins Saaletal schauen und nicht umgekehrt.
Unsere Stadt wird nicht selten als „der Leuchtturm“ der Region oder gar der neuen Bundesländer betitelt. Was einerseits den jungen Familien leider vermehrt (unbezahlbaren) Wohnraum vorenthalten lässt, bringt jedoch für einen Fussballverein hervorragende Möglichkeiten, sich die starken Unternehmen zu Nutze zu machen. Leuchtturm sind „wir“ nämlich, auf Grund der vergleichsweise überragenden wirtschaftlichen Kraft. Nicht zuletzt die zahlreichen Ausgründungen der Nachwendezeit entwickelten einen innovativen und galoppierenden Wirtschaftsstandort, der in vernetzter Manier auch kleine und andere mittelständische Unternehmen der Umgebung mitzieht. Von den seit vielen Jahrzehnten in Jena bestehenden Optik- oder Chemie-Unternehmen, welche Arbeitgeber für Tausende sind, haben wir bis dahin erst bedingt gesprochen. Die Universität bietet darüberhinaus perfekte Kooperationsmöglichkeiten im wirtschaftlichen, medizinischen und sportwissenschaftlichen Bereich und bringt ferner noch ganz nebenbei halbjährlich fussballinteressiertes junges Publikum in die Stadt.
Der Tagesspiegel beschrieb die Situation bereits 2012 mit folgenden Worten: „[…] In der selbst ernannten „Lichtstadt“ scheint die Zeit zu rasen: Innerhalb von 13 Jahren sanken Jenas Schulden von 160 Millionen auf 40 Millionen Euro. 2018 will die Stadt an der Saale schuldenfrei sein – sechs Jahre früher als geplant. Jena wächst, heute leben hier 105.000 Menschen. Die Jenaer bekommen so viele Kinder, dass die Stadt drei neue Schulen und zehn neue Kitas bauen lässt. Nach der Wende studierten hier 6.000 Menschen, heute sind es fast 26.000. Jena schafft, woran viele andere ostdeutsche Kommunen scheiterten. […]“
Mit klaren und transparent gestalteten Konzepten, welche längere Halbwertszeiten als eine Fussballsaison haben, kann und wird es möglich sein, die lokale und regionale Wirtschaft wieder vom FC Carl Zeiss zu überzeugen. Wenn es gelingt, nicht mehr nur als Geldverbrenner und Chaoten-Truppe wahrgenommen zu werden, dann wird sich auch manch zurückhaltendes Unternehmen wieder für den Fussball in Jena öffnen und gern gewillt sein, einen Beitrag zu einer soliden Entwicklung zu leisten.

Ein weiteres Charakteristikum, für welches wir an nicht wenigen Standorten beneidet werden, ist das Nachwuchsleistungszentrum, inklusive DFB-Zertifikaten und sonstigen Auszeichnungen. Seit Jahrzehnten ist die Nachwuchsarbeit in der Oberaue Vorbild für viele vergleichbare Clubs, das ist landauf-landab kein Geheimnis. Zu Recht sind wir alle stolz darauf und freuen uns über die erfolgreichen Spiele in der Junioren-Bundesliga. In der Vergangenheit sind immer mal wieder Spieler groß heraus gekommen, allerdings muss man auch zugeben, dass diese Anzahl im Verhältnis zum Aufwand doch ein Ungleichgewicht offenbart. Die B-Jugend (und daraus folgend auch die A-Junioren) sind zu einem großen Teil zusammengescoutet, nur Wenige schaffen den Sprung aus den jüngeren Altersklassen in die Juniorenbundesliga, zumindest nicht hier bei uns in Jena. Meist ist demnach spätestens in der C-Jugend Schluss beim Club. Die Gründe dafür sind sicher von Spieler zu Spieler unterschiedlich, das Leistungsniveau spielt natürlich immer die größte Rolle. Aber dies zeigt auch auf, dass die Arbeit nicht optimal läuft und viele Ressourcen verschwendet werden. Eine eben solche Verschwendung findet auch beim Sprung in den Männerbereich statt, wo einfach zu wenig Geduld und Vertrauen gezeigt wird. Die Trainer der ersten Mannschaft hatten in den letzten Jahren zwar teilweise gute, integrierte, mit den Nachwuchs-Trainern abgestimmte und vor allen Dingen langfristige Konzepte, mussten dies aber leider zu oft dem Druck des kurzfristigen Erfolges unterordnen. Trainingszeiten sind da oft das Einzige, was den A-Junioren bleibt, um etwas Luft bei der ersten Mannschaft zu schnuppern. Und die Trainer können sich dadurch bereits als „jugend-affin“ abfeiern lassen.
Vielleicht ist der gute Ruf ja auch ein hemmender Faktor, da er wenig Innovationen und mutige Köpfe fördert. „Wir haben einen guten Nachwuchs!“, ja! Das hört man wirklich immer und immer wieder. Wenn wir aber nicht die nötigen ganzheitlichen Konzepte besitzen, beispielsweise angepasste Spiel-, Trainings- und Formationssysteme, bzw. es vermissen lassen, gute Ansätze in dieser Richtung weiterzuverfolgen, dann bleibt „ein guter Nachwuchs“ ein vollkommen stumpfes Schwert, von dem vielleicht Greuther Fürth, der SV Schott oder Thüringen Weida profitieren.
Der aktuell verfolgte Ansatz, nun mehr hauptamtliche Trainer einzustellen, ist natürlich sehr positiv zu bewerten, nichtsdestotrotz ist dieser Schritt auch ohne einen Investor möglich. Die kolportierte Aussage, dass erst der Duchatelet-Einstieg dies möglich macht, ist Augenwischerei. Vorher besaß die Nachwuchsarbeit ganz einfach nicht den Stellenwert in der Vereinsführung, das müssen sich die Herren einfach mal gefallen lassen. Vergleicht man, wieviel Geld zum Teil im Regionalliga-Kader verdient wird, so muss bei entsprechender Sponsoren-Ansprache auch Geld für 2-3 Vollzeit-Trainer im Nachwuchs da sein. Hier wird offenkundig, dass wir immer wieder auf dasselbe Grundproblem zurückkommen: Keine Geduld und Ausdauer, einem 17/18/19-jährigen mal ein paar Fehler zuzugestehen, die in den ersten Spielen eben auch mal passieren können und vielleicht auch müssen. Stattdessen verzichtet man auf das vermeintliche Risiko und holt Nasenbären wie Scheffer und Milchraum in den Kader, welche weder Identifikation noch Aufopferungsbereitschaft mitbringen, um wirklich frischen Wind in die Mannschaft zu tragen.

Natürlich ist bei intensivem Einsatz engagierter und hervorragend ausgebildeter Nachwuchsspieler nicht davon auszugehen, dass ein Aufstieg selbstverständlich ist und sofort klappt. Aber mit dem eingesetzten Vertrauen (welches sich im übrigens ganz schnell in die jüngeren Junioren-Jahrgänge herumspricht und sehr motivierend wirken kann) kann ein Kader-Gefüge – auch in Wechselbeziehung mit einer zweiten Mannschaft – aufgebaut werden, welches in 2 oder 3 Jahren ganz sicher um den Aufstieg mitspielt. Und das Ganze ohne wirtschaftliche Risiken, Abhängigkeitsverhältnisse und müden Altprofis. Und auch hier können geniale Synergien erzielt werden. Denn dann kommen die Leute wieder vermehrt ins Stadion und fahren auch wieder mehr auswärts mit, weil auf dem Rasen ehrliche „Arbeit“ abgeliefert wird, weil der Verein ein authentisches Ziel verfolgt. Nebenbei wird der Club somit auch wieder für Sponsoren interessant und kann durchaus wieder Partner dazugewinnen. Ein Rad greift ins nächste…und die Lichter gehen bei einem verpassten Aufstieg ganz sicher nicht aus.

Woher sollen diese, hier noch abstrakt beschriebenen Konzepte kommen?
Als erstes müssen die bereits genannten Fragen „Wer sind wir?“ und „Was können wir?“ beantwortet werden, sicher auch noch ein paar andere, um den Status Quo zwar ungeschönt, aber trotzdem realistisch und nicht zu schwarzmalerisch abzubilden. Dabei sein müssen Leute, welche sich nicht dem Profilierungswille wegen mit dem Verein beschäftigen, sondern weil ihnen der Club am Herzen liegt. Dabei sein müssen auch Leute, welche halten, was sie versprechen. Dabei sein müssen Leute, welche den Blick für das Ganze haben und das Rüstzeug besitzen, einen vielleicht zu Beginn nicht ganz populären Weg auch in der Öffentlichkeit zu verteidigen.

Wir haben uns auch darüber bereits erste Gedanken gemacht und können uns durchaus vorstellen, den Gedanken einer Leitbildkommission wieder aufzugreifen und in diesem Rahmen ambitionierte Zeisser mit großer sportlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Kompetenz an einen dauerhaften Tisch zu lotsen. Wir sind uns sicher, dass der Anteilsverkauf unnötig gewesen ist und am Ende eine erfolgreiche Alternative zu einer in fremden Händen liegenden Spielbetriebs-GmbH geschaffen werden kann.

ES GEHT IMMER WEITER – FC CARL ZEISS ULTRAS!
BLEIBT UNBEUGSAM UND UNVERKÄUFLICH!

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