Unbeugsam und unverkäuflich

“unbeugsam und unverkäuflich” – Bratwurstdealer ’208

Bratwurstdealer ’208, 17.05.2014, Heimspiel ZFC Meuselwitz:

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…so unterschiedlich sich die letzten Spielzeiten auch bezüglich des Gefühls und der Erwartungen entwickelt haben, am Ende sehnte man fast immer das letzte Spiel herbei, um irgendwie einen kleinen Schlussstrich ziehen zu können. Kein Zweifel, das gleiche gilt wohl auch für 2013/2014.

Klar, wir wollen zum Fussball fahren, da sein, Flagge zeigen. Aber wäre das alles, könnte es auch locker ohne Pause über den Sommer gehen. Mal so gänzlich unbeschwert, unbekümmert und ambitionslos. Die Realität sieht jedoch zum Glück anders aus. Wir wollen etwas bewegen, nicht nur treue Begleiter sein, welche sich etwas Abwechslung in der Wochenend-Bespaßung auf mitteldeutschen Kampfbahnen erhoffen.

Ultras sind wir, meinetwegen auch gern mal „aktive Fans“, Schlachtenbummler, Kutten oder, wenn ihr es unbedingt wollt, auch Hooligans. Das sind wir alles gern mal irgendwie, und das bleiben wir auch. Die genaue Betitelung ist auch oft egal, im Moment sowieso. Weil, was unterscheidet uns in der Betrachtung des Gesamtvereins? Vor dem Fussballgott sind wir alle gleich und den Fussballmillionen ist es auch egal. Dennoch: wer sich „Ultras“ schimpft und sich darüber hinaus (oder auch alternativ) gern als reflektiert, kritisch und aufopferungsvoll bezeichnet, der muss steinige Wege gehen, wenn sie selbst für richtig erachtet werden. Wir wollen die letzte BD-Ausgabe der Saison nutzen, um einen ersten kleinen Rückblick auf diese steinigen letzten Wochen zu werfen…

Die wohl schwierigste Runde in der Geschichte der „neuen Südkurve“ und der jüngeren Vergangenheit des FC Carl Zeiss geht in der kommenden Woche im Rathenower Vogelgesang zu Ende. Dabei erhofften sich doch nicht wenige, zumindest geht das auf den ersten Blick aus den Abstimmungsergebnissen der Mitgliederversammlung im Dezember hervor, noch in dieser Spielzeit einen Powerstart in eine glorreiche Zukunft.

Wir beurteil(t)en dies etwas anders und fielen im Rahmen langer und längerer Debatten, Diskussionen und interner Abstimmungen in ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits Enttäuschung, Wut und Unverständnis angesichts des offenbar schwach ausgeprägten Rückgrates und Verhaltens unzähliger Vereinsmitglieder auf der MV. Andererseits entwickelte sich aber auch schnell der ausgeprägte Wille, einen Kampf einzugehen, unseren Verein alsbald wieder aus der Schlinge zu ziehen und so (mit)zu gestalten, dass er auch für nachfolgende Generationen DER und nicht nur irgendein Verein ist. Dies machen wir natürlich unter anderem auch am sportlichen Erfolg fest, welcher allerdings nicht nur in einer Stadt wie Jena (aber hier besonders, vgl. BD#207) auch ohne fremdbestimmenden Faktoren beherrschbar sein muss. Wir hoffen, nicht nur in dieser Bratwurstdealer-Rubrik, sondern auch in unzähligen Gesprächen mit anderen Zeiss-Fans genau dies deutlich gemacht zu haben und sind auch weiterhin uneingeschränkt gewillt, zu reden, zu reden und nochmals zu reden. Der Kampf sollte und wird mit Worten und Überzeugungsarbeit geleistet. Auf Augenhöhe und schon gar nicht im Internet.

Gleichwohl ist der sogenannte „sportliche Erfolg“ doch nicht alles, worum es hier geht. Da erinnern wir gern nochmal an das Motto des 25. Jubiläums des Fanclub FRAGGLES vor 3 Wochen: „Liebe kennt keine Liga!“. Genau so sieht es aus, besser hätten wir es nicht auf Tapete malen können. Es ist doch eigentlich überflüssig, an dieser Stelle nochmal aufzuzählen, was für uns den FC Carl Zeiss liebens-, lebens-, erlebens-, aufopferungs-, und verteidigungswert macht. Es ist etwas, was schwer mit Worten zu greifen ist, mit Händen schon gleich gar nicht. Die Freude über erfolgreichen Fussball ist doch tausendmal intensiver und ehrlicher, wenn er zwar eines der Ziele ist, aber „nebenbei“ erreicht wird und eben nicht mit der Brechtstange auf Teufel komm raus.

Nun gilt es aber erstmal Luft zu holen, denn auch die Rückrunde hatte trotz des viel diskutierten Protestes der Ultras einiges zu bieten. Wir erhofften uns, mit der Entscheidung zum Protest, die vielen anderen Betätigungsfelder unserer Gruppe nicht aus dem Auge zu verlieren, ihnen stattdessen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken – durchaus mit Erfolg. Unabhängig von der inhaltlichen Arbeit am und im „UuU“-Protest bleiben vor allen Dingen Erinnerungen an sehr coole Auswärtserlebnisse und die eine oder andere Veranstaltung hängen. Los ging es mit der Idee, dass Hallenturnier in Nordhausen zu rocken und der Südkurve die Chance zu geben, den Budenzauber einmal so richtig zu besingen. Nach den für uns vollkommen unwirklichen Erlebnissen in Plauen, als die Kurve erstmals schwieg und wir selbst gar nicht so richtig wussten, wie mit der Situation umzugehen ist, folgten die Spiele in Berlin. Zuerst Viktoria, mit einem durchaus akzeptablen Zugmob, reichlich Spaß trotz Stimmungsverzicht und umher blickenden Zeissern auf der Suche nach Rolands Versteck. Wenig später ging es wieder nach Berlin, diesmal zur Hertha. Erstmals in der Protestphase wurde gemeinschaftlich eine alternative Anreise gewählt und nicht nur Polizei und Feuerwehr staunten nicht schlecht, als sich Stunden vor Anpfiff über 120 Zeisser zum Braten in einem Berliner See-Park versammelten. Spätestens an diesem Tag war uns mehr als klar, dass der Ansage „Ihr steht mit der Kritik nicht allein!“ von etlichen anderen Gruppen und Fanclubs auch tatsächlich Taten folgen und der aktive Kern der Südkurve zusammengerückt ist, sogar einige junge Leute dazu gewonnen hat und dies wohl auch weiterhin wird. By the way: wir zählten allein in den ersten Spielen nach der Winterpause ganze 20 Anmeldungen für die Nachwuchsgruppe – phänomenal und sicher kein Zufall.

Auch das nächste Auswärtsspiel im Leipziger Südosten wurde auf einer alternativen Route bestritten und vereinte abermals weite Teile der Aktivisten. Letztlich blieb uns zwar unglücklicherweise nur eine Halbzeit zum Fussball gucken, aber dem Zusammenhalt hat es keinesfalls geschadet. Einen weiteren kleinen Höhepunkt erlebten wir vor zwei Wochen auf der Tour nach Halberstadt, als es für einen großen Tross auf dem Hinweg ohne Polizeibegleitung noch nach Quedlinburg ging. Dort wurde die schöne Altstadt bewundert, sich zünftig gestärkt und ungewohnt freizügig bewegt. Auch hier sollte ein dokumentierendes Mobfoto samt kurzen Gesängen (um auch die Stimmbänder nicht vollends erschlaffen zu lassen) den Aufbruch Richtung Spielstätte einläuten.

Guckt man sich die Auswärtsspiele der Rückrunde also rückblickend an, so kann man mit der Anzahl der Leute (leider nicht unbedingt mit der Gesamtzahl der mitreisenden Zeisser), deren Flexibilität, aber auch Vertrauen auf unsere Organisation mehr als zufrieden sein. Dahingehend muss uns also vor der kommenden Saison, wie auch immer sie sich gestalten mag, nicht bange werden. Der Gedanke „UNBEUGSAM und UNVERKÄUFLICH“ und alle damit einhergehenden Konsequenzen scheint die jungen und junggebliebenen Aktivisten nicht zu lähmen.

Im Ernst-Abbe-Sportfeld war wenig los, von den Spielen gegen den FCM und den VfB Auerbach einmal abgesehen. Die Magdeburger sangen den FCC und seine Anhänger erwartungsgemäß in Grund und Boden, keinerlei Gegenwehr, auch nicht von nicht-protestierenden Blaugelbweißen. Bittere Pillen schlucken, das war an diesem Tag die Devise. Negativer Höhepunkt dann deutlich vernehmbare „Horda raus“-Rufe, als wir kurz unserem verstorbenen Bruder und Zeissfanatiker Nico mit einem Schlachtruf gedachten. Das schockte und ging richtig in die Knochen, wenngleich die Wut auf derart unreflektiertes, grenzenlos dämliches und respektloses Verhalten im Griff behalten wurde. Im Nachgang wollte es Niemand auf der Tribüne gewesen sein bzw. wurde die Situation als hochgradig missverständlich beschrieben. Es ist schwer in Worte zu fassen, welche Gedanken uns in den Stunden danach durch den Kopf gingen, doch auch die engsten Freunde Nicos fügten sich diszipliniert der Marschroute, trotzdem die Fronten nicht zusätzlich zu verhärten. Anderswo – das ist nicht übertrieben – hätte es ordentlich Ärger gegeben.

Das Auerbach-Spiel war geprägt von der unmissverständlichen Reaktion der Kurve auf den ersten Besuch von Roland Duchatelet in Jena, was jedoch primär erst nach dem Spiel für ordentlichen Wind in der Bude sorgte. Ein Gespräch mit der Geschäftsführung und Fanbetreuung in den Tagen danach brachte zwar wenig inhaltliche Annäherung, jedoch die Erkenntnis, dass das zwischenmenschliche Verständnis und eine zumindest in dieser Hinsicht durchaus produktive Nähe nicht gewichen sind.

Abseits der Spieltage brachte die eine oder andere interessante Veranstaltung nicht nur die Spezies aus der Kurve zusammen, sondern spülte auch langjährige Fans aus anderen Stadionbereichen in unsere Mitte. Ultra-Kino, Förderkreis-Fest, Graffiti-Session usw. – allesamt erfolgreiche und wohltuende „Events“, welche durch die Bank fortgesetzt und ausgebaut werden sollen.

Die Gründung des „SÜDKURVE-RATES“ nach dem Auerbach-Spiel und intensiver Vorbereitung ist in unseren Augen jedoch DER wichtigste Eckpfeiler der erfolgreichen Rückrunden-Gestaltung. Am heutigen Samstag findet bereits das dritte Rats-Treffen statt und alle Interessierten aus der Kurve sind eingeladen, sich an den Gesprächen und Diskussionen auf Augenhöhe zu beteiligen. Der Rat war für uns das wichtigste strukturelle/organisatorische Anliegen der letzten Monate und konnte besser als erhofft integriert werden. Natürlich werden wir nicht den Fehler machen, nach so kurzer Zeit schon zu viel in die innere und äußere Wirksamkeit dieses Gremiums hinein zu interpretieren. Aber ein Anfang ist gemacht und wir schauen dahingehend statthaft in die Zukunft.

Nun gilt es, bei aller gerechtfertigter Kritik und ellenlangen Ausführungen über Details unserer Argumentation hier und anderswo, motivierenden Kampfansagen und Auswärtserlebnissen, weitere strukturelle Arbeit zu leisten und Alternativen zum Duchatelet-FCC zu erarbeiten: in der Fanszene, mit den Mitgliedern des FC Carl Zeiss Jena e.V. und auch gemeinsam mit der Vereinsführung. In der letzten Ausgabe haben wir bereits einige Ansätze dafür in den Raum geworfen bzw. Euch Anteil daran haben lassen, was uns so in diesem Sinne durch die Köpfe geht…

Ihr könnt Euch eines ganz sicher gewiss sein: wir sind uns im Klaren, dass jetzt langsam, aber doch mit Sicherheit und Nachdruck, eine produktive Phase eingeläutet werden muss. Diese muss verschiedene Herangehensweisen betrachten und ausloten, wer, wann und in welcher Form dabei zu helfen in der Lage ist. Der Verein FC Carl Zeiss Jena stand und steht im Vordergrund unserer Bemühungen und nur seinem Schicksal sind wir verpflichtet. Nicht nur der aktive Kern der Kurve wird dabei eine Rolle spielen, sondern möglichst vielschichtige Zirkel. Wir halten weiterhin daran fest, einen fairen und konstruktiven Dialog anzustreben und diese Kommunikationsbereitschaft nur in Extremfällen abzulegen. Soll heißen: wer respektlos uns gegenüber agiert, der darf auch keinen Respekt erwarten. Wir sehen uns als Teil des FC Carl Zeiss Jena e.V., respektieren jede Meinung, lehnen jedoch kontraproduktives Verhalten und diffamierende Äußerungen ab.

Liebe Südkurve. Liebe Kids, liebe alteingesessene Vollblut-Ultras, liebe Wegbegleiter. Ja, der Weg ist beschwerlich. Ja, auch wir wollen nicht ewig schweigen. Ja, es ist eine Gefühlsfrage. Und ja, verdammt, wir werden alles dafür geben, bald wieder mit mehr positiveren Gefühlen zum FC Carl Zeiss zu stehen und unsere Stimmen und Fahnen wieder gegen alle Gegner dieser Welt einsetzen zu können.

Haltet dem Verein und eurer Kurve die Treue, kämpft und debattiert mit für die Zukunft EURES Fussballclubs. Lasst die Sommerpause nicht zur „Pause“ werden, sondern nutzt die vielen Treffen und Veranstaltungen.

SÜDKURVE FC CARL ZEISS JENA!

UNBEUGSAM UND UNVERKÄUFLICH!

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