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Unverhältnismäßig, schikanös und brutal

Pressemitteilung der Blau-Gelb-Weißen Hilfe zu den Vorfällen um das Spiel FC Carl Zeiss Jena gegen TSV 1860 München am 18.05.2019

 

Am 18.05.2019 kam es im Rahmen des Fußballspiels FC Carl Zeiss Jena gegen TSV 1860 München ab 09:00 Uhr zu mehreren Polizeieinsätzen. Die Darstellung der Polizei weisen wir als falsch, unglaubwürdig und äußerst einseitig zurück.

 

Schon in den Vortagen des richtungsweisenden Spiels gegen 1860 München kam es von Seiten der Ordnungsbehörden durch das Aussprechen von Bereichsbetretungsverboten gegen Fans des FC Carl Zeiss Jena zu Provokationen und Repression. Hierbei wurden schon diverse Ausschreitungsszenarien herbeigeredet und der Grundstein für die aggressiven Polizeieinsätze am Samstag gelegt.

 

Am Stadioneingang Schnellstraße sollten ohne Rücksicht auf Verluste Identitätsfeststellungen durchgeführt werden, wobei die Polizei massiv gegen die gesamte vor den Stadiontoren auf Einlass wartende Menschentraube vorging. Hier wurde jede Verhältnismäßigkeit missachtet und die Gesundheit aller Anwesenden (darunter Familien, Kinder, Personen im Rollstuhl, Rentner*innen) erheblich gefährdet. Im Zuge dessen kam es hier zu einem Wasserwerfereinsatz, während alle Wartenden in der Einlassschlange weder vor, noch zurück konnten. Es entstand eine Paniksituation, in der mehrere Menschen verletzt wurden. Diesen rücksichtslosen Polizeieinsatz verurteilen wir scharf und hoffen, dass sich auch der FC Carl Zeiss Jena in der Analyse der Geschehnisse und in Rücksprache mit den vom Verein eingesetzten Mitarbeiter*innen und privaten Sicherheitskräften am Einlass, dieser Kritik anschließt.

 

Auch das Agieren der Polizei im Nachgang des Spiels hinterlässt bei uns den Eindruck einer gezielten Eskalation. Greiftrupps, die völlig außer Rand und Band in der Innenstadt Jenas auf der Suche nach vermeintlichen Straftäter*innen zum Teil friedliche Menschen ohne Vorwarnung umreißen, umschlagen, auf am Boden liegende Menschen einschlagen und treten, haben mit einer auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit agierenden Polizei nichts gemein.

 

Es kann nur spekuliert werden, ob die eingesetzten Beamten willkürlich irgendeine Racheaktion durchführten – was ihre teils hämischen Kommentare und gegenseitigen, provokant zur Schau gestellten, Beglückwünschungen nach gewalttätigen Übergriffen auf Fans, am Stadion sowie im Stadtzentrum, erklären würde. Oder ob die Polizeiführung ganz gezielt die Situation eskalierte, um eigene Interessen im Umgang mit Fußballeinsätzen durchzusetzen, z.B. ihr nachhaltig ein größeres Gewicht in der Debatte um das Sicherheitskonzept für den Stadionneubau zu sichern oder generell die polizeikritische Sichtweise innerhalb der Fanszene zu diskreditieren und so eine Spaltung innerhalb der Fanszene zu provozieren. Auch Aufwand und Kosten des Einsatzes lassen sich wohl kaum erklären, wenn sich die behördlichen Prognosen als gänzlich haltlos erweisen. Auch hier liegt die Vermutung nahe, dass mit gezielten Provokationen genau die Bilder erzeugt werden sollten, die die Polizei braucht, um ihr eigenes Auftreten im Nachgang zu rechtfertigen.

 

Wir sind noch dabei, die genauen Zahlen der Geschädigten des Polizeieinsatzes zusammenzutragen, können aber jetzt schon sagen, dass es zu mehreren Identitätsfeststellungen, Gewahrsamnahmen und vielen Verletzen, die z.T. im Krankenhaus behandelt werden mussten, kam. Die Art der Verletzungen reichen von den üblichen Reizungen durch Pfefferspray über Prellungen, Platzwunden bis zum Verdacht auf Knochenbrüche. Den Verletzten wünschen wir schnelle Genesung und hoffen, dass sie keine bleibenden Schäden davontragen. Eine kritische Aufarbeitung des gestrigen Tages halten wir für dringend notwendig und bitten alle Verletzten, Betroffenen und Zeugen*innen von Repression, sich mit uns (bgwhilfe@riseup.net) und/oder dem Fanprojekt in Verbindung zu setzen, um gegebenenfalls anwaltliche Unterstützung vermitteln zu können.

 

Wer sind wir?

Regelmäßig werden Fussballfans Opfer von Polizeiwillkür und Repression. Als gesellschaftlich marginalisierte Gruppe genießen Fans meist kein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit. Dadurch hat es die Polizei oft leicht, unverhältnismäßige Einsätze gegen jene Gruppen durchzuführen. Um diesem Zustand etwas entgegenzusetzen haben sich bundesweit bereits bei vielen Vereinen Fanhilfen gegründet, die gemeinsam Unterstützung von Fans für Fans organisieren und sich auch rechtlich gegen derartige Einsätze wehren. Der Vermittlung von erfahrenen Anwält*innen und der Zusammenarbeit mit diesen kommt dabei ein hoher Stellenwert zu. Auch in Jena hat sich ein solcher Zusammenschluss von Fans für Fans gegründet – die Blau-Gelb-Weiße Hilfe.